– Oder: Was eine Debattenkultur ausmacht –
Kennen Sie den Film „Hello, Mr. President“? Es ist eine amerikanische Romanze aus dem Jahr 1995. Ist der Spielfilm sehenswert? Ich gebe zu, dass ich den Film mag, und das nicht nur wegen der netten und vorhersehbaren Liebesgeschichte. Er gibt aber nebenbei ein Beispiel bezüglich des demokratischen Streits verbunden mit dem Aushalten auch von scheinbar unerträglichen Einstellungen.
Zur Handlung: Der verwitwete Andrew Shepherd ist seit rund drei Jahren Präsident der Vereinigten Staaten. An einem Treffen im Weißen Haus zur Klimapolitik nimmt die Umweltlobbyistin Sydney Wade teil. Obwohl sie gleich verbal in einen Fettnapf tritt, ist Shepherd von ihr beeindruckt. Die beiden treffen eine Vereinbarung bezüglich der Gewinnung von Stimmen für ein neues Umweltgesetz sowie für ein verschärftes Waffengesetz.
Aus der anfänglichen Sympathie entwickelt sich eine Romanze. Dieses ist für den republikanischen Oppositionsführer Robert Rumson, der selbst Präsident werden möchte, eine günstige Gelegenheit zum Start einer Diffamierungskampagne gegen Sydney Wade und damit auch gegen den Amtsinhaber. Unter anderem legt Rumson alte Bilder der Öffentlichkeit vor, auf der Sydney Wade als junge Frau bei einer Protestaktion eine Flagge der USA verbrennt.
Mit der Liebesbeziehung Shepherd/Wade erhalten die politischen Gegner immer mehr Aufwind; die Umfragewerte für den Präsidenten sinken. Er entscheidet sich schließlich dazu, dem Waffengesetz mehr Bedeutung beizumessen als den Regelungen für eine neue Umweltpolitik. Das führt zum Bruch mit Sidney, die in der Folge das Weiße Haus verlässt.
Der Präsident überdenkt seine Entscheidung verbunden mit seinem Führungsverhalten. Er nutzt eine Pressekonferenz seines Stabsbereichs mit einem für alle anwesenden Journalisten überraschenden Auftritt. Er hält eine leidenschaftliche Rede u. a. mit folgenden Worten: „Amerika ist nicht leicht zu regieren. Amerika, das ist ein Volk, das fortschrittlich denkt, und das brauchen wir unbedingt. Es kämpft auf jeden Fall für seine Rechte. (…) Du willst das Recht der freien Rede? Dann zeige uns doch, dass Du einen Mann, dessen Worte Dich zur Weißglut bringen, der dazu in der Öffentlichkeit aus Leibeskräften etwas vertritt, was Du Dein ganzes Leben mit Deinen Leibeskräften ablehnen würdest, anerkennst. Du behauptest, dies sei das Land der Freien? Dann darf das Symbol des Landes nicht nur eine Fahne sein. (…)“
Lassen wir einmal den in Deutschland geltenden Straftatbestand des Verbrennens der Fahne eines Staates außen vor. Gleiches gilt für die Frage, ob hier die Realität der Amtsführung des US-Präsidenten wiedergegeben wird oder nicht. Aber in der beschriebenen Passage wird verdeutlicht, wie Führung, Haltung und eine Kultur der Auseinandersetzung aussehen sollten, wenn jemand eine gegenteilige Position vertritt. Schauen wir uns hingegen an, was in den vergangenen Jahren in Deutschland zu verzeichnen war, stellen wir fest, dass bis in die kleinsten Ebenen zu oft Sachdiskussionen persönlichen Abwertungen weichen mussten. Und diese Spirale scheint sich fortzusetzen. Menschen, die Aspekte außerhalb der eigenen Komfortzone benennen, werden stigmatisiert, geschmäht, bloßgestellt, werden von Veranstaltungen ausgeladen, erhalten Auftrittsverbote uvm. Wollen wir das wirklich so in einer freien Gesellschaft in Kauf nehmen?
Vielleicht hilft bei der Orientierung zum Thema Debattenkultur ein Zitat von Papst Franziskus in einer Ansprache vor dem Europarat im Jahr 2014: (…) Um das Gut des Friedens zu gewinnen, muss man vor allem zum Frieden erziehen, indem man eine Kultur des Konfliktes fernhält, die auf die Angst vor dem anderen, auf die Ausgrenzung dessen, der anders denkt oder lebt, ausgerichtet ist. Freilich darf der Konflikt nicht ignoriert oder beschönigt werden; man muss sich ihm stellen. Wenn wir uns aber in ihn verstricken, verlieren wir die Perspektive, die Horizonte verengen sich, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt. (…)
Nein, gegen die Misstöne (das ist noch milde formuliert) in der Politik und in den Medien können wir wenig ausrichten. Setzen wir in unseren kleinen Wirkungskreisen Ankerpunkte, indem wir selbst in Streitfällen auf Herabwürdigungen jeglicher Art verzichten. Die obige Stellungnahme des US-Präsidenten im Film lässt sich ebenso mit den Worten von Rosa Luxemburg zusammenfassen: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“
Natürlich hat der Film ein glückliches Ende. Der Präsident entscheidet sich dafür, sich für das neue Umweltgesetz genauso einzusetzen wie für das Waffengesetz. Er und die Umweltlobbyistin finden wieder zueinander. Es ist eben Wohlfühlkino. Und das brauchen wir hin und wieder auch.
Thomas Willi Völzke
